Modern Agnosticisme

BIJLAGE I

6 Mai 1925

Herrn Dr. Karl Barth,

Prof. für reformierte Theologie an der Universität,

Göttingen.

Sehr geehrter Herr Professor,

Wie Ihnen bekannt sein wird, weckt die dialektische Theologie auch in Holland grosses, ja teilweise leidenschaftliches Interesse. Und diese Gefahr einer “leidenschaftlichen” Auseinandersetzung wird um 80 grösser, wenn zwischen den Streitenden nicht lest steht, was eigentlich Voraussetzung, Behauptung und Konsequenz dieser Theologie ist. Und doch besteht darüber vielfach Unklarheit. Das zeigte sich mir vor kurzem sehr deutlich, als ich die Ehre hatte in einem Kreise von Freunden über diesem Gegenstand zu referieren.

Ich hoffe, dass Sie es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich deshalb an Sie selbst wende mit der Bitte mir mitzuteilen, ob ich Sie in dem Punkt, wo für mich die Entscheidung liegt, richtig verstanden habe, ev. in wie weit meine Auffassung sich von Ihrer wirklichen Meinung entfernt. Meine Bitte bedarf um so mehr der Entschuldigung und Erklärung, da ich nicht Theologe, und Ihnen wo hl gänzlich unbekannt bin. In meinem Studiengange Physiker und Philosoph, vertrete ich seit einer Reihe von Jahren die Pädagogik an unserer Universität. Aber da Erziehungsfragen ja schliesslich immer au! das Ganze gehen, habe ich nicht wohl umhin gekonnt mich hie und da auch mit prinzipiellen theologischen Fragen zu beschäftigen. Vielleicht darf ich zur Einleitung noch einen zweiten persönlichen Punkt nennen. Wie Ihnen mein Name schon sagt, gehöre ich jenem “Volke der juden und Judenchristen” an, dessen fremde Geistesart wie Sie auf S. 79 des “Wort Gottes, etc” sagen, Sie als so “unheimlich” berührt. Ich nenne diesen Punkt, weil ich glaube dass die Diskrepanz zwischen unseren Auffassungen die ich sehe, zu einem nicht geringen Teil auf ihn zurückgeht, auf den Unterschied nämlich zwischen griechisch-idealistischer und israelitisch-prophetischer Art des Denkens. Denn nur auf zwei Weisen lässt sich denken, dass die tiefe Kluft zwischen Zeit und Ewigkeit – keinesfalls identisch mit der zwischen Gott und Welt, Schöpfer und Schöpfung, aber doch mit dieser eng zusammenhängend – zu überbrücken, besser zu überspringen ist.

Erstens vom Menschen aus. Es ist der Weg, den idealistische Spekulation und Mystik immer wieder versucht haben. Er führt, wie mir scheint, ins Leere. Oder aber Gott überspringt die Kluft. Es ist der Weg der Offenbarung in der Zeit, der historischen Offenbarung, der zu einer – wenn auch nur vorläufigen – Erkenntnis und Anschauung Gottes führt. Se he ich nun richtig, so verwirft die dialektische Theologie beide Möglichkeiten, die erstere wegen ihrer hybris, die zweite weil sie doch allzustark verstösst gegen idealistische Denkgewohnheit. Sie lässt daher die Kluft eben Kluft sein und bleiben. Der Prüfstein, was die Grundannahmen sind einer Theologie (resp. Philosophie) in dies er Hinsicht – Gottlob doch noch eine andere Frage als die, was den letzten Halt eines Menschenlebens ausmacht scheint mir nun in der Christologie zu liegen, und auf diese bezog sich daher auch die Frage, die ich an Sie richten möchte.

Die erstere Auffassung bedarf entweder gar keiner Christologie, oder sie bildet eine, in welcher strenge Scheidung besteht zwischen der ewigen Christus (Logos) – Idee und dem historischen Jesus. Nur die zweite Auffassung kann die Tatsache begründen, die als Voraussetzung schon implizite enthalten ist in Anselm’s Frage: Cur deus homo? Dieser Glaube, “dass Gott Mensch geworden ist” spricht sich aus in dem Bekenntnis der Antwort auf die 35e Frage des Heidelberger Katechismus. Jesus “aan zijne broeders in alles gelijk, u i tg e n o men  d e  z o n d e”. (Sie sehen wie wenig ich Theologe bin. lch habe sogar keine deutsche Ausgabe des H. K. zur Hand). Dieser Glaube hält daran fest, dass Jesus am Kreuze starb, nicht für  se i n e  sondern für  u n s e r e  Sünde – die also etwas prinzipiell anderes ist als Kreatürlichkeit. Kritisch durchdenken lässt sich dieser Glaube nur mittels einer Theologie, resp. Philosophie, die sich nicht auf platonischen oder marburgisch-kantischen Gedankengängen aufbaut, sondern die völlig anders orientiert ist. Aber das zu zeigen würde hier viel zu weit führen. Und wir sind jetzt bei der Hauptsache angelangt. Wenn ich – und viele andere – die dialektische Theologie richtig verstanden haben, so kann sie überhaupt keine Christologie oder nur eine im ersteren Sinne entwickeln. Denn grundsätzlich verwirft sie eben das, was im Cur Deus homo? vorausgesetzt wird, nl. dass Gott in der Zeit erscheinen kann. Ich wenigstens vermag z.B. in Ihrem Satze: “Mag es sich mit dem historischen Jesus verhalten wie es will, Jesus, der Christus, des lebendigen Gottes Sohn, gehört weder der Historie noch der Psychologie an, denn was historisch und psychisch ist, das ist eben als solches auch verweslich”. (Wort Gottes S. 95) nichts anderes zu sehen. Ebensowenig in dem Ausspruch über die Sündlosigkeit, Römerbrief, S. 262: “So auch seine Sündlosigkeit . sie ist in ihrer Offenbarung in Jesu Tun und Lassen wahrlich ebenso leicht und ebenso handgreiflich wie bei uns (leichter als bij allen Bessern, Gediegeneren, Frömmeren unter uns!) zu bestreiten, entgegen ihrer heimlichen Behauptung durch den in diesem Tun und Lassen redenden Gott, und sie ist tatsächlich von Jesu unbefangenen Zeitgenossen (die noch nicht wussten, was wir zu wissen – meinen!) aufs unzweideutigste bestritten worden”.

Ich würde mich hier weit stärker ausdrücken, und behaupten dass eine andere Auffassung der Grundposition der dialektischen Theologie undenkbar wäre, wenn mir die obengenannte Diskussion nicht bewiesen hätte, dass andere doch annehmen, dass Sie etwas anderes lehren, etwas, dass sich sehr wohl vereinigen lässt mit dem soeben zitierten Ausspruch des Heidelberger Katechismus. Ich meinerseits muss gestehen, wenn dies wahr ist, bis jetzt nicht ein Wort Ihrer Schriften richtig verstanden zu haben. Gehe ich nicht ganz irre, so ist für Sie (wenigstens in den theologischen Schriften) Leiblichkeit immer identisch mit Kreatürlichkeit und diese wieder mit Sünde, Wenn das aber der Fall ist, muss der historische Jesus (wenn er existiert hat, (was dann auch ziemlich gleichgültig ist) ein sündiger Mensch gewesen sein. Sein Kreuzestod ist dann allerdings für eine Vermessenheit, wie die von Joh. 14. 9 eine äusserst gelinde Strafe. Aber Sie werden diese und ähnliche Worte dann vermutlich auch für unhistorisch, d.h. nicht tatsächlich gesprochen halten. Menschlich geurteilt – Sie werden aber vermutlich sagen, dass der Mensch eben nicht urteilen soll – müssen wir dann dem Kajafas Abbitte tun für alle Verläumdungen und allen Hohn, die er als unbestochener – durch  d i e s e s  Beklagten Grösse und Güte nicht bestochener – Richter geerntet hat.

Oder gibt es hier doch einen Ausweg für die dialektische Theologie, den ich nicht sehe? Kann sie zu einer Christologie gelangen für die der historische Jesus und der überzeitliche Christus eines Wesens sind, für die wenigstens in diesem einen Falle Zeitlichkeit und Kreatürlichkeit nicht mit Sünde identisch sind, ohne damit ihre Grundposition aufzugeben?

Es würde mich, und gewiss sehr viele hier in Holland ausserordentlich interessieren, hierüber Ihre Meinung zu erfahren. Aus diesem Grunde möchte ich Sie auch bitten, mir die Publikation Ihrer Antwort gleichzeitig mit meiner Frage zu gestatten.

Ihrer Antwort gern entgegensehend.

Mit vorzüglicher Hochachtung, ihr ergebener

(w.g.) PH. KOHNSTAMM

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